Frauen sorgen fürs Geld - und die Familie

Frauen sorgen fürs Geld - und die Familie
In Ost- wie Westdeutschland übernehmen immer mehr Frauen die finanzielle Verantwortung für die Familie. Ein Rollentausch der Geschlechter ist damit in der Regel nicht verbunden.

Ute Klammer, Professorin an der Universität Duisburg-Essen, und WSI-Forscherin Christina Klenner nennen sie Familienernährerinnen: Frauen, die einen größeren Beitrag zum Familieneinkommen leisten als ihre Partner. Die beiden Wissenschaftlerinnen haben zusammen mit ihren Mitarbeiterinnen untersucht, wie Frauen in eine solche Rolle kommen, wie sie diese erleben - und ob sich dadurch ihr Arbeitspensum in Haushalt und Familie reduziert.

Anhand von Daten des Sozio-oekonomischen Panels zeigen Klenner und Klammer: In ganz Deutschland nimmt der Anteil der Frauen zu, die Haupternährerinnen sind. Das heißt nach der Definition der Forscherinnen: Sie tragen mindestens 60 Prozent zum Familieneinkommen bei. Frauen werden überwiegend unfreiwillig Familienernährerinnen, entweder als Partnerinnen von arbeitslosen oder prekär beschäftigten Männern - oder als allein Erziehende. Doch auch mit Partner bleiben Frauen, die den Löwenanteil des Familieneinkommens erwirtschaften, im Regelfall Hauptzuständige für die Versorgung der Kinder und des Haushalts.
Die Partner von Familienernährerinnen übernehmen aber einen größeren Teil der Hausarbeit als Männer in anderen Konstellationen. Auch in der Kinderbetreuung sind sie etwas stärker engagiert als andere Männer. Das gilt für westdeutsche Väter mehr als für ostdeutsche, was mit der schlechteren Infrastruktur für Kinderbetreuung im Westen zusammenhängen könnte. Dennoch wenden auch Haupteinkommensbezieherinnen deutlich mehr Zeit für die Kinder auf als ihre Partner. Ein Rollentausch - die Mutter verdient das Geld, der Vater hütet die Kinder - findet in der Regel nicht statt.

Erklären lässt sich die leichte Verschiebung der häuslichen Arbeitsteilung entweder mit der pragmatischen Einstellung mancher Paare, so die Analyse der Wissenschaftlerinnen: Der Partner, der weniger Erwerbsarbeit leistet, übernimmt mehr häusliche Aufgaben. Oder das Paar hat weniger traditionelle Rollenvorstellungen. Dann entscheidet es sich ganz bewusst - meist zeitweise - für die Familienernährerinnen-Rolle der Frau.

Welche unterschiedlichen Muster des Zusammenlebens von Frauen und Männern sich herausgebildet haben, haben die Forscherinnen in ausführlichen Interviews mit jeweils rund 40 Familienernährerinnen in Ost- und Westdeutschland zu ergründen versucht:

In Ostdeutschland schultern Familienernährerinnen die finanzielle Verantwortung für die Familie oft mit einer Vollzeittätigkeit. Für sie ist es besonders schwierig, berufliche und familiäre Verpflichtungen unter einen Hut zu bringen. In vielen Fällen sind die Frauen einem starkem Arbeitsdruck und hohen betrieblichen Flexibilisierungsansprüchen ausgesetzt, können aber wegen ihrer Verantwortung für das Familieneinkommen ihren Arbeitsplatz nicht aufs Spiel setzen. ­Berufliche Umorientierung oder eine geringere Belastung durch Teilzeitarbeit sind kaum möglich. Es gibt zwar mehr kommunale Angebote für Kinderbetreuung als im Westen. Dennoch sind diese oft nicht bedarfsgerecht, zu weit entfernt oder zu unflexibel. Das für ältere Kinder so wichtige öffentliche Verkehrsnetz ist in vielen Regionen Ostdeutschlands ­lückenhaft.

Generell haben ostdeutsche Familienernährerinnen eine solide berufliche Qualifikation, eine vor allem im Vergleich zu westdeutschen Frauen lange Berufsbiografie sowie eine hohe Berufsorientierung. Dieses Unterschieds sind sich die Frauen durchaus bewusst: Man hätte "es ja im Osten nicht anders gelernt", erklärt eine der Befragten. "Die Frau im Osten ist immer arbeiten gegangen." Ihnen ist gemeinsam, dass sie sich keinen kompletten Rollentausch mit dem Vater als Hausmann wünschen. Vielmehr hoffen sie, dass ihr Partner in Zukunft wieder Arbeit findet und wieder mehr zum Haushaltseinkommen beitragen wird.

Die meisten streben ein Zwei-Verdiener-Modell an, bei dem beide Partner einen etwa gleichen Anteil des Familieneinkommens erwirtschaften. Die Frauen, die Vollzeit arbeiten, wünschen sich eher eine Reduzierung ihrer Arbeitsstunden zu Gunsten der Familie. Ein kleiner Teil würde sogar einen größeren Anteil des Mannes am Familieneinkommen begrüßen, damit sie sich selbst mehr um die Kinder kümmern können. Ihre Berufstätigkeit stellt dabei jedoch keine der Befragten grundsätzlich in Frage.

Die Freiwilligen. Nur einige Frauen sind freiwillig Familienernährerin geworden - zum Beispiel, um ihrem Partner ein Studium und damit beruflichen Aufstieg zu ermöglichen. Diese Paare haben keine ausgeprägt traditionelle Arbeitsteilung; die Männer übernehmen stärker die unbezahlte Arbeit zu Hause. Die Frauen wünschen sich mehr gesellschaftliche Unterstützung für moderne, familienorientierte Männer, weil dies auch das von ihnen gelebte Geschlechterarrangement im Alltag vereinfachen würde.

Eine auffällig große Anzahl von hoch qualifizierten Frauen ist mit Männern in Facharbeiterberufen verheiratet. Ihr Selbstbild ist häufig das einer erfolgreich erwerbstätigen Frau, die ihren Status als Familienernährerin durchaus zu schätzen weiß: "Also mehr verdienen werde ich, glaube ich, immer aufgrund der Tatsache, dass ich schon zehn Jahre arbeite. Und weil ich einen guten Job habe", sagt eine von ihnen. Trotzdem wünschen sich die Frauen auch für ihren Partner beruflichen Erfolg.

Die Zufälligen. Wird die Frau unbeabsichtigt zur Familienernährerin, weil der Mann seinen Job verliert, ändert sich die konventionelle Arbeitsteilung zunächst nicht. Die notgedrungen gelebte Erwerbskonstellation entspricht bei diesen Frauen nicht ihren Vorstellungen von männlichen und weiblichen Verhaltensmustern. Erst wenn absehbar ist, dass der Partner langfristig arbeitslos bleibt oder dauerhaft erwerbsunfähig ist, übernimmt er auch mehr Pflichten im Haushalt. Anpassungsprozesse im Geschlechterarrangement brauchen Zeit. Eine Familienernährerin beschreibt ihre Rolle als das genaue Gegenteil dessen, "was wir eigentlich für uns geplant hatten". Doch nach einer Umorientierungsphase gilt: "Wir haben ein gutes Miteinander jetzt."

Die Widerstrebenden. Einige Frauen sind jedoch nur widerstrebend Familienernährerin, möchten sich auch nicht als solche bezeichnen. Eine Paarkonstellation, in der die Frau mehr verdient, stimmt nicht mit ihren Vorstellungen überein. Auf Dauer sei "das keine Aufgabe für einen Mann", Frühstück zu machen und die Kinder anzuziehen, meint eine der befragten Frauen. In ihrer Vorstellung muss ein Mann der Frau beruflich und vom Einkommen her zumindest gleichwertig sein.

Auch in Westdeutschland überwiegt die Zahl der Frauen, die unbeabsichtigt Familienernährerin werden - wegen der Trennung vom Partner beziehungsweise der Arbeitslosigkeit oder Berufsunfähigkeit der Väter. Anders als im Osten waren die Frauen zuvor meist nicht darauf eingestellt, finanzielle Verantwortung für die Familie zu übernehmen: Längere Zeiten der Berufsunterbrechung oder Teilzeittätigkeit sind die Regel, gepaart mit geringen Qualifikationen oder Aufstiegsmöglichkeiten.

Gerade diese Familienernährerinnen sind häufig an der Grenze ihrer Belastbarkeit und frustriert über den Verlauf ihrer Erwerbsbiografie: "Ich habe halt immer so Angst, dass ich auch irgendwann mal durch den ganzen Stress kaputt bin", äußert eine Befragte. Die gelernte Bürokauffrau schlägt sich wegen der schweren Erkrankung ihres Mannes mit geringfügigen Beschäftigungsverhältnissen in Call-Centern, der Gastronomie und als Reinigungskraft durch - "wenn man als Frau einen Beruf gelernt hat und dann durch die Kinder raus kommt, kann man damit nichts mehr anfangen".

Eine kleinere Gruppe von Frauen hingegen hat sich vor der Geburt des ersten Kindes aus finanziellen Gründen bewusst für die Rolle der Familienernährerin entschieden: Allerdings meist nur unter der Prämisse, dass sie die Hauptverantwortung nicht dauerhaft übernehmen müssen. Für einen späteren Zeitpunkt strebten sie die Rückkehr zu einem egalitären oder Zuverdienermodell an. Die Rechnung ging jedoch nicht auf: Familienernährerinnen sind diese Frauen schon seit 8 bis 13 Jahren. Häufigster Grund: Ihr Partner ist selbstständig, verdient jedoch nur wenig.

Nach Ansicht der Befragten sollten weder Mann noch Frau den Druck dauerhaft allein tragen, für das Familieneinkommen sorgen zu müssen. Auch spüren sie Konflikte zwischen den beruflichen Anforderungen und ihren Vorstellungen von einer "guten Mutter". Eine Familienernährerin sagt, sie habe Angst davor, dass ihre Töchter eines Tages sagen: "Es war ja immer nur der Papa da."

In einer Hinsicht haben es Familienernährerinnen im Westen schwerer als im Osten: Ohne die Hilfe der Großeltern bei der Kinderbetreuung wäre es vielen Müttern mangels hinreichend flexibler öffentlicher Einrichtungen nicht möglich, eine Erwerbstätigkeit aufzunehmen oder fortzusetzen. Denn die Unterstützung der Väter fordern Familienernährerinnen oft nicht ein, um ihren Männern den Raum zu geben, wieder am Arbeitsmarkt Fuß fassen zu können.
Quelle und weitere Informationen: http://www.boeckler.de/32014_107751.html